Biografie Sabine Friedrich

Sabine Friedrich, 1958 in Coburg geboren, studierte Germanistik und Anglistik und promovierte 1989 in München. Seit 1996 lebt sie mit ihrer Familie wieder in Coburg. Ihr erster Roman ›Das Puppenhaus‹ wurde 1997 veröffentlicht. Weitere Romane folgten, darunter ›Familiensilber‹ (2005) und ›Immerwahr‹ (2007). Im Jahr 2012 erschienen Sabine Friedrichs umfangreicher Roman über den Deutschen Widerstand: ›Wer wir sind‹ sowie ihr ›Werkstattbericht‹ über die Entstehung dieses Romans.

Sabine Friedrich im Interview

Sie haben sechs Jahre lang einen 2.032-Seiten-Roman über die Frauen und Männer des deutschen Widerstands gegen Hitler geschrieben. Wie kamen Sie auf diese Idee, gab es eine Art Initialzündung?

Das ist eine längere Geschichte – ich habe ja sogar ein eigenes Buch darüber geschrieben, den ›Werkstattbericht‹. Geplant war zuerst nur ein Theaterstück, also ein Text so um die zwanzig Seiten. Und dann ist es eben immer mehr geworden. Begonnen hat es 1994 mit einem »Spiegel«-Artikel über die Frauen des 20. Juli. Den habe ich ausgerissen und aufgehoben, ohne feste Absicht zunächst. Zwölf Jahre später fiel er mir dann wieder in die Hände. Zunächst habe ich mich ziemlich gesträubt. Ich wollte gar nicht über den Nationalsozialismus schreiben. Und dann habe ich es eben doch getan.

Autorin am Mac

Wo und wie haben Sie für diesen Roman recherchiert?

Vor allem habe ich gelesen. Das ist ja ein Thema, über das sehr viel geschrieben worden ist. Ich bin auch viel unterwegs gewesen, vor allem in Polen. Und dazwischen habe ich immer mal wieder in Berlin gewohnt, dort kam mir die Zeit immer am nächsten.

In Ihrem Roman erzählen Sie die Lebensgeschichten von Menschen, die es wirklich gab. Wie fühlen Sie sich bei dem Gedanken, aus »echten« Menschen Romanfiguren zu machen? Können Sie sich vorstellen, dass es Leser gibt, die das befremdet?

Schriftsteller verwenden doch seit jeher wirkliche Menschen als Vorlagen für Romanfiguren. Im Grunde tut das jeder Mensch, ständig. Man entwirft sein Gegenüber, man macht sich ein Bild. Ob ich mir nun ein inneres Bild von Helmuth Moltke, Napoleon, meinem Exmann oder meinem Nachbarn mache, ist dabei im Grunde kein großer Unterschied. Das In-Worte-Fassen, das Aufschreiben, das ist der Unterschied.

In Ihrem ›Werkstattbericht‹ sagen Sie, dass Sie bewusst darauf verzichtet haben, mit Angehörigen der Widerstandskämpfer Kontakt aufzunehmen, weil Sie eben einen Roman schreiben wollten. Gibt es denn inzwischen die eine oder andere Reaktion von dieser Seite?

Ja. Als der Verlag die Rechte eingeholt hat, haben einige Nachfahren und Verwandte darum gebeten, die Fahnen vorab lesen zu können. Die Reaktionen waren bisher alle sehr wohlwollend und auch anerkennend, was mich natürlich ungemein freut. Es hätte mich allerdings auch überrascht, wenn jemand verletzt oder verärgert reagiert hätte. Ich habe ja keine bislang unbekannten Tatsachen aus den Archiven zutage gefördert, sondern mich mit dem Material auseinandergesetzt, das bereits veröffentlicht ist. Den Figuren meines Romans bin ich dabei durchweg mit großer Sympathie gefolgt, vielleicht gerade da, wo ich mich mit ihren Fehleinschätzungen, ihren Fehlern und Schwächen auseinanderzusetzen hatte, die von der Geschichtswissenschaft ja teilweise sehr kontrovers diskutiert werden. Es ging mir nicht darum, meine Helden zu demontieren, sondern herauszufinden, was sie veranlasst hat zu handeln, wie sie nun einmal gehandelt haben. Ich wollte wissen, was das mir zu sagen hat, was es mir bedeuten könnte, mir oder uns, hier, jetzt.

Welche Beziehung haben Sie denn zu den Widerstandskämpfern entwickelt?

Naturgemäß eine sehr familiäre, eine besitzergreifende, ungemein innige Beziehung. Ich habe ja den ganzen Tag an sie gedacht. Ich habe von ihnen geträumt. Wenn wir im Familienkreis von ihnen gesprochen haben, wenn ich zum Beispiel gesagt habe, ich ginge jetzt zurück an den Schreibtisch, dann hießen sie »meine Leute«. So wie in: ›Ich gehe jetzt zurück zu meinen Leuten.‹

Autorin

Wie fühlt es sich an, über einen so langen Zeitraum in eine vergangene Zeit einzutauchen? Fiel es Ihnen während des Schreibens schwer, sich von dieser Welt zu lösen?

Siehe vorherige Frage

Ist die Zeit des Nationalsozialismus in Ihren Augen noch immer eine Tabuzone für Romanautoren?

Nein. Und das war sie ja auch nie. Romane über diese Epoche gibt es wie Sand am Meer, und schon seit den fünfziger Jahren. Wer allerdings damals geschrieben hat, hatte den Nationalsozialismus selbst erlebt, und also wäre keiner auf die Idee gekommen, ihm die Berechtigung oder die Kompetenz abzusprechen, über diese Epoche auch zu schreiben. Aber wer heute über den Nationalsozialismus schreibt, kann sich meist nicht mehr auf direkte Erfahrung berufen. Er muss sich mit dem auseinandersetzen, was die Geschichtswissenschaft zutage gefördert hat. Das heißt, er literarisiert den Nationalsozialismus. Aber was wäre die Alternative? Von nun an zu schweigen, den Nationalsozialismus zur unbetretbaren Zone zu erklären? Und das Tabu ist ja auch längst gebrochen worden, allerdings noch nicht sehr oft, und noch nicht von einem deutschen Autor. Beziehungsweise einer Autorin.

in Kreisau auf der Schloßtreppe

Gab es Durststrecken innerhalb Ihrer sechsjährigen Arbeit an dem Roman? Wenn ja: Was motivierte Sie, das Schreiben fortzusetzen?

Zum Schreiben musste ich nicht motiviert werden. Eher zum Aufhören.

Wie fühlten Sie sich, nachdem Sie den letzten Satz geschrieben hatten?

Schwer zu sagen. Es gab ja bis zuletzt immer nur einen vorläufigen letzten Satz. Ich habe an diesem Roman wirklich weitergearbeitet, bis er in den Druck ging, also auch noch in den Fahnen und sogar im Umbruch Teile ganz neu geschrieben. Ich wollte wohl das Gefühl des Fertigseins vermeiden oder doch den Moment möglichst lange hinauszögern, ab dem ich mich von dem Buch trennen musste. Davon erzähle ich auch im ›Werkstattbericht‹.

Hat dieser Roman Sie verändert?

Ja, sicher. Aber in welcher Hinsicht – das zu erklären fiele mir schwer und wäre mir auch ein wenig zu intim. Zumal man zuerst auseinanderfieseln müsste, was dem Roman geschuldet ist und was dem Leben. Ein Zeitraum von sechs Jahren ist ja in vieler Hinsicht ereignisreich. Um ein Beispiel zu nennen: Als ich 2006 mit der Arbeit anfing, war ich eine Mutter von Schulkindern, unsere Tochter war noch nicht dreizehn. Und nun hat sie Abitur, und unser Sohn ist im vierten Semester. Eine Lebensphase ist also abgeschlossen, die nicht wiederkehren wird und die auch nicht wiederholt werden kann. Das ist als Gedanke banal und als Erfahrung sehr stark, wie der Tod und die Liebe und alles andere, was Wirklichkeit besitzt und unausweichlich zum Leben gehört. Dieses Gleichzeitige des Alltäglichen und des Überwältigenden, das alle typischen menschlichen Erfahrungen kennzeichnet, war auch etwas, das mich bei der Arbeit an dem Roman sehr beschäftigt hat. Arbeit und Leben stehen eben immer in Wechselwirkung. Es war eine sehr intensive Zeit.

in Kauern bei den Enten am Teich

... und was kommt nach einem solchen Mammutprojekt?

Das beantworte ich ehrlich gestanden nur ungern. Wenn Sie mich nämlich vor sechs Jahren gefragt hätten, hätte ich Ihnen womöglich geantwortet: Ein Theaterstück für drei Schauspielerinnen, und dieses Theaterstück gibt es bis heute nicht, weil aus dem dafür vorgesehenen Stoff dieser Roman geworden ist. Sehr interessieren mich im Moment die Ränder Europas, vor allem die Gebiete im europäischen Osten mit ihren wechselnden nationalen Zugehörigkeiten, die für jemanden wie mich, der im westlichen Teil Deutschlands geboren ist, ja ziemliches Neuland sind. Wohin das führen könnte, weiß ich nicht. Dann gibt es noch ein Projekt, an dem ich schon seit vielen Jahren immer wieder sitze und über das ich gar nichts verrate. Oder ich schreibe einfach mal meine Autobiografie. Ich weiß es nicht. Im Moment ist es einfach so, dass ich das Haus dieses Romans noch immer nicht verlassen habe, auch wenn das Baugerüst darum herum inzwischen abgebrochen ist.