Sabine Friedrich

Wer wir sind

Hardcover
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2032 Seiten
ISBN 978-3-423-28003-7 Originalausgabe

1. Oktober 2012

Leserstimmen zu ›Wer wir sind‹

11.11.2013
Jörg Bahm MD PhD
Im April 1958 war ich gerade einmal acht Monate alt, als meine Familie von Nürnberg ins deutschsprachige Ostbelgien umzog, weil mein Vater für eine deutsche Werkzeugmaschinenfabrik dort eine Betriebsstätte aufbauen sollte. In die Grundschule kam ich 1963, als einziger « Ausländer » (die deutsch-belgische Landesgrenze war immerhin knapp zehn Kilometer entfernt). Wie mir meine Eltern später berichteten, kam ich bereits in den ersten Schuljahren mit für mein Alter eigentümlichen Fragen nach Hause, über den Weltkrieg, die Judenverfolgung und die Nazis. Und diese Fragen waren ja nicht etwa in den Köpfen meiner Schulkameraden so entstanden, sondern über den Umweg ihrer Familiengespräche (bei uns ist ein Deutscher in der Klasse… ) von den Eltern mitgegeben worden. Ich kann mich noch gut an das befremdliche Gefühl erinnern, mit (unangenehmen) Themen konfrontiert worden zu sein, zu denen ich nichts wußte und nicht reagieren konnte. Auch gut 45 Jahre später, im Gespräch mit guten Freunden, kommt zuweilen wieder das Unverständnis auf: wie konnte das damals in Deutschland geschehen? wieso haben Deine Eltern nicht reagiert? was ist bei Euch Deutschen anders? Es hat immer wieder Momente und Zeiten gegeben, wo ich mich eines gewissen « Deutschseins » geschämt habe, immer dann wenn großspurig, laut, unmißverständlich Deutsch so gesprochen und vorgelebt wurde, daß ich an die Geschichte dachte und keiner von denen sein wollte: also sprach ich französisch, niederländisch, englisch… blieb aber beim Lesen und der kulturell-geschichtlichen Neugier dem Deutschen treu. Vor zwei Jahren wurde ich auf die Neuauflage Hans Falladas « Jeder stirbt für sich allein » aufmerksam (und verschlang das Buch) und im Herbst 2012 stieß ich auf einen Artikel im Spiegel, der den neuen Roman von Sabine Friedrich « Wer wir sind » vorstellte. In einer Bahnhofsbücherei kaufte ich das Buch und stieg in diesen großartigen Roman ein, wohl wissend, daß zweitausend Seiten einige Monate Abend- und Reiselektüre bedeuten würden. Als ZEIT Abonnent seit dreißig Jahren wartete ich dann (vergebens) auf eine Rezension - fand schließlich nur einen Fünfzeiler mit dem Credo: »mit dieser umfangreichen Dokumentation hätte die Autorin wohl besser ein gutes Sachbuch geschrieben ». Ich bin ja nur froh, sie hat es – eben - nicht getan! Einige Akteure des Widerstands kannte ich ja; zum 20. Juli hatte ich im damaligen schwarz-weiß Fernsehen Filme und Dokus über Stauffenberg gesehen. Auch Viktor Frankl´s Lebensbeschreibung eines Juden im Nazideutschland war mir bekannt, aber ich machte mir wohl keine Vorstellung, wie vielfältig versponnen die Netze des intellektuellen und tätlichen Widerstandes tatsächlich waren. Sicher gibt es dazu viele andere Bücher, Sachberichte, auch all die Briefe und Dokumente der Protagonisten selbst. Aber: Friedrich´s Roman bringt uns in den Alltag all dieser Menschen, von denen der Leser bereits am Anfang des Leseabenteuers weiß, daß sie alle sterben werden. Und gerade der Freiraum des Romans belebt ein Zeitgefühl, eine Wahr-scheinlichkeit, die mir unabhängig von den Detailfragen (die man sowieso wieder vergißt) eine Sinngestaltung ermöglicht, wie nämlich Gedanken und Strategien reiften, wo die Hindernisse in- und außerhalb des deutschen Reiches waren, wie das Gewissen auf persönliche Art die Führung übernahm und den uns bekannten Lauf der Dinge gestaltete. Einmal eingetaucht, eingelullt in die Beschreibung der Schauplätze, Landschaften, Familienbeziehungen, begleitet man die ausgesuchten Protagonisten in ihrem Alltag, bis hin zu Gefängnis, Verurteilung und Ermordung. Und erfreulicherweise beschäftigt man sich wenig mit Hitler, den Nazis und ihren Schergen, sondern mit den « Guten, die in die Welt kamen ». Und das ist doch nun wirklich eine bahnende Neuerung, wenn Sabine Friedrich uns ermuntert, nicht erneut dem düsteren Wahn der Verbrecher zu folgen, sondern uns resolut den Guten zuzuwenden. Für mich war diese Erkenntnis zuerst mit einem Aufatmen verbunden: es gab sie also doch, die aktiven Nicht-nazis, die « Helden », die guten Deutschen, und hier ist das Buch das alle dazu lesen können und sollen! In den Beschreibungen des Alltags erleben wir mit den Protagonisten, und wissen doch zugleich, daß wenige von uns gleichen Mut und Ausdauer entwickelt hätten. Und weiter: diese liebevoll und demütig auf ihre Männer schauenden Frauen, war das wirklich das Beziehungsbild noch vor zwei Generationen? und warum haben die Widerständler sich nicht doch in Sicherheit gebracht, ihren leiblichen Kindern zuliebe? Wer würde heute sein Land, seine Heimat vor die Familie stellen? Meinen Kindern ist Nation und Heimatgefühl in dieser Form nicht (mehr) gegeben, sie bewegen sich in Europa und können sich etwas anderes als freie Meinungsäußerung gar nicht vorstellen. Politik und Geschichte sind weit weg von ihrem Tagesgeschehen! Und finden wir nicht in den Schriften des Kreisauer Kreises das gleiche Gedankengut, auf dem unser heutiges Europa sich nach dem Krieg schrittweise aufgebaut hat? mit einem „integrativen“ Platz für Deutschland? Und das war schon vor über siebzig Jahren so in den Köpfen einiger Vor-Denker, unter welch schrecklichen Bedingungen? « Wer wir sind » betrifft uns über die Fakten des deutschen Widerstandes hinaus. Wer sind wir Deutschen in Europa und der Welt? Wer sind wir, jeder von uns, in dieser Zeit des Individualismus und der Globalisierung? Mit diesen Fragen, die der Roman ja nur anstößt, kann eine neue Geschichte beginnen, oder es können – wie bei mir - vierzig Jahre alte Erinnerungen friedlicher erscheinen. Mit meiner Familie und meinen Berufskontakten bewege ich mich viel inner- und außerhalb Deutschlands und Europas. Heute bin ich (wieder) gerne und bewußt Deutscher und achte auf mein « Deutschsein », wenn ich mit anderen spreche oder erlebe. Aber ich trete auch für deutsche Wissenschaft, Literatur und Geschichte ein. Sabine Friedrich´s großes Werk hat es mir nicht nur leichter gemacht, sondern auch den gesunden Menschenverstand und meine Motivation gestärkt, in den Menschen das Gute und Geniale zu erfühlen ; auch den guten Deutschen einen respektablen Platz in der Kriegsgeschichte zu geben, auch wenn tausend andere Aspekte beleuchtet und berichtet werden können. Es ist keine « Wiedergutmachung »; es ist eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Stoffen, die uns im Inneren bewegen, zusammenhalten, antreiben. Die Frage « wer wir sind » gehört an jeden Frühstückstisch, und das nun vorliegende Buch aufmerksam gelesen und geschätzt.
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