Ein sehr persönlicher
Einblick in Sabine Friedrichs
sechsjährige Recherche und
Schreibarbeit

Taschenbuch
Auch erhältlich als:
EURO
inkl. MwSt., versandkostenfrei
BRD, A, CH, weitere Infos

128 Seiten
ISBN 978-3-423-21403-2 Originalausgabe

1. Oktober 2012

»Das Manuskript ist atemberaubend. Man wird in die Geschichte des Dritten Reiches regelrecht hineingesogen. Die Figuren des Widerstandes erwachen zu neuem Leben.«
Prof. Dr. Manfred Görtemaker, Universität Potsdam, Historisches Institut


Auszüge aus dem Werkstattbericht

Das Buch wird nun also im Herbst 2012 bei dtv erscheinen. Und ich habe zugesagt, eine Art Werkstattbericht zu verfassen, also davon zu erzählen, wie es entstanden ist.

Das fällt mir schwer. Im allgemeinen tilge ich die Spuren meiner Arbeit, wenn ich mit einem Buch fertig bin. Frühere Versionen, Reste, Notizen, alles fliegt in die Altpapiertonne. Nichts soll bleiben als der fertige Text: wobei dieses Buch, dessen Entstehung ich hier beschreiben soll, noch gar nicht fertig ist. Wen kann der Entstehungsprozess eines Buches interessieren, das noch niemand gelesen hat? Wie soll ich Fragen beantworten, die mir niemand gestellt hat, ohne selbstverliebt oder wichtigtuerisch zu klingen?

Vielleicht wäre es eher angebracht, mir selbst ein paar Fragen zu stellen. Wenn das Buch 2012 erscheint, werde ich sechs Jahre mit diesem einen Projekt zugebracht haben. Zwölf Semester. Ein Drittel des Lebens meiner Tochter. Vielleicht sollte ich versuchen, mir Rechenschaft darüber abzulegen, wie ich diese ganze Zeit eigentlich zugebracht habe.

Und vor ein paar Tagen ist der glückliche Ausdruck »Bonusmaterial« ins Spiel gebraucht worden. Das hat mir gefallen ...

Schloss Klein Oels.jpg

Bonusmaterial: Schauplätze

Klein Oels/Oleśnica Mała, Polen, 2007

Wir sind auf dem Weg nach Klein Oels, wo Peter Graf Yorck von Wartenburg geboren ist, der Freund Helmuth Moltkes im Kreisauer Kreis. Das Schloss liegt südöstlich von Wrocław, früher Breslau. Oleśnica Mała. Es taucht plötzlich auf, imposant, prächtig. Es überragt die Straße, die ganze Umgebung, in der man so etwas einfach nicht erwartet,
Der Regen wispert im Gras, in den jungen Blättern der Linden von Schloss Klein Oels. Gräfin Sophie Yorck von Wartenburg hat ein Fenster im Gartensaal öffnen lassen, durch das der Duft der frühlingsfeuchten Erde hereindringt. Es ist ein Maiabend 1912.

Es ist ein Spätsommermorgen 2007. Nichts duftet. Etwas brennt. Der Qualm steigt drüben über den Feldern auf, ungefiltert, beißend und übelkeitserregend wie von schwelendem Gummi oder Leder. Verbrennen die Polen dort vielleicht alte Reifen? Immer, wenn so etwas geschieht, ärgere ich mich. Muss Yilmaz unbedingt seine Tochter verdreschen? Muss der Typ, der dem kleinen Tim die Jacke geklaut hat, ausgerechnet Wladimir heißen? Können es einem die Leute nicht mal ein kleines bisschen danken, dass man sie immerzu gegen Klischees verteidigt? Am Eingang zum Schlosshof unter einem großen Baum stehen zwei junge Paare, die Frauen mit Kinderwägen, die Männer mit einem Bier in der Hand. Es ist Samstagnachmittag. Was heißt Guten Tag? Irgendwas dobre, dobri, dobry. Es war da, es ist weg. Wir sagen nichts. Man nickt uns zu, und wir nicken zurück, sprachlos und also übertrieben freundlich, offenen Blicks wie Diebe oder Spione.

Wenn man jetzt Polnisch spräche, könnte man etwas fragen.
Entschuldigen Sie, wie wird denn das Schloss zurzeit genutzt? Kommen öfter Besucher von auswärts hierher?

Gartensaal Klein Oels.jpgJetzt jedenfalls sind wir die Einzigen. So fühlen wir uns: unbefugt. Wir gehen um das Schloss herum. Die Tür zur Kapelle ist verschlossen. Die Scheiben des Gartensaals sind von innen beschlagen. Ich lege die Hände ans Glas und sehe hinein.

Es ist ein riesiger Raum, ganz leer. Es ist nichts mehr da, nicht einmal ein Bodenbelag. Alles ist verrottet. Wahrscheinlich steht das Wasser in Vertiefungen oben auf der großen Terrasse und sickert an vielen Stellen ein. Feuchtigkeit scheint ohnehin das Problem. Die Außenwand des Schlosses ist an vielen Stellen schimmlig, stockfleckig, bröselig. An den Fenstern hängen aber Gardinen. An der Westseite des Schlosses stehen noch immer die Linden, nach denen diese Terrasse hieß. Steinerne Stufen führen hinunter, wohin, in den früheren Garten? Jetzt ist dort eine Wiese mit einem Fußballtor. Ein paar halbwüchsige Mädchen sitzen im Gras und blicken ernst zu uns hinauf. An der Südseite des Schlosses, wo sich Wein um die Pergola rankte, kleben ein paar Holzverschläge, deren Zweck wir nicht erkennen. Windschiefe Zäune begrenzen willkürliche Stückchen Erde. Warum dieses Rechteck, warum nicht jenes? Warum jene verwackelte Rhombe, warum nicht das Stück daneben? Etwas Kohl wächst, ein paar Stangen Lauch. In einem Gärtlein ist ein kleiner Hund angebunden. In einem anderen sind Konservendosen zu einem rostigen Haufen getürmt. Die einzigen Menschen, die wir hier sehen, sind die alten Frauen.

Sie sind freundlich, sie sehen uns mit freundlichen Augen nach. Sie tragen Kittelschürzen, Kopftücher. Sie gehen gebeugt, als wäre es selbstverständlich zu leiden: die schmerzenden Arthrosehüften nicht operiert, die müden Körper nicht fitnessgestählt, wellnessaufbereitet, kreuzfahrtdampfererholt. Eine alte Frau lehnt sich mit einem Arm auf eine Krücke. In der anderen Hand hält sie einen eisenbewehrten Stock, mit dem sie Löwenzahn aus der Schlosswiese sticht, für die Stallhasen möglicherweise. Haben diese Frauen keine Söhne, keine Schwiegersöhne? Müssen sie ganz allein ihre kleinen kahlen Gärtlein besorgen?

Auf einem Fensterbrett des Schlosses ist ein Blumentopf angebunden. Auf einem anderen lehnt ein sehr junges Mädchen, das lächelnd grüßt, dann schnell verschwindet. Hinter dem Schloss senkt sich eine Wiese zum Wald. Es gibt einen Pfad, durch Brombeergestrüpp und Unterholz. Eine Allee. Eine Doppelallee, mit drei Reihen von Bäumen, früher sicher ein Fahrweg und ein separierter, grasbewachsener Reitweg. Wir folgen dem Pfad zwischen den Bäumen in den Wald hinein. Eine alte Frau kommt uns entgegen. Zwei alte Frauen kommen, dann noch einmal zwei. Sie plaudern leise. Sie bummeln, sie gehen gemächlich wie in einem Park.

Aber dies war ja auch sicher einmal ein Park.

Und diese alten Frauen waren junge Mädchen. Sie kamen aus dem Osten. Vielleicht waren es von Russen Vertriebene aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten, vielleicht von den Deutschen verschleppte Zwangsarbeiter. Sie kamen in die von Deutschen entleerten Dörfer und konnten nun zusehen, wie sie sich ein neues Leben aufbauen würden. Sie mussten sicher hart arbeiten. Und an den Sommerabenden gingen sie im Park des Schlosses spazieren, der langsam um sie herum verwilderte, zuwuchs, ganz allmählich, so langsam, dass sie noch immer beschaulich auf seinen Wegen wandeln, auch wenn die Blumenrabatten, die beschnitten Buchse und Rosenbüsche längst unter Nesseln und Haseltrieben verschwunden sind.

Und hatten sie Heimweh? Haben sie sich nach Lemberg oder Wilna gesehnt wie meine Mutter nach Danzig? Der Osten ist eine europäische Erscheinung: So sagt es der wundervolle Karl Schlögel in ›Spaziergang in Jalta‹ (© 2001 für das Zitat aus Karl Schlögel, ›Promenade in Jalta und andere Städtebilder‹: Carl Hanser Verlag München).

»Es gab ja nicht nur die deutsche Ostsiedlung und den deutschen Osten, sondern es gab auch die polnische Ostsiedlung und den polnischen Osten; es gab eine magyarische Kolonisation und die Kolonisierung des ganzen eurasischen Raumes bis zum Pazifik durch die russischen Zaren (...) Wenn man die deutschen Bildbände zu Ostpreußen und die polnischen zu den Kresy miteinander vergleicht, dann ist man erstaunt, dass es sich fast um identische Blickwinkel handelt. Es ist der Blick der Trauer um eine verlorene Welt. Wir könnten dies weiterführen zu der These, dass fast alle Europäer eine Art Osten und ihren verlorenen Osten haben.«

Der Osten nicht als Strohblumensträußchen am Hut eines Vorstands vom Bund der Vertriebenen, sondern als Phänomen der europäischen und russischen Geistesgeschichte, als ein Europa verbindender, weil ent-grenzender Sehnsuchtsort? Ja. Und noch einmal: Wer wären wir, ohne die Untaten unserer Großväter, ohne das Leiden unserer kindlichen Eltern? Wer wären diese alten polnischen Frauen, die durch den Wald schlendern, der ein Park war?

Im Schlosshof stehen drei riesige Töpfe mit wunderschönen Agaven, liebevoll gepflegt. Im Schloss singt jemand. Ein Radio dudelt. M. drückt die Klinke des Eingangsportals herunter. Die Tür öffnet sich. Wir betreten die Halle von Schloss Klein Oels.

Stuck, Creme, helles Blau. Ein riesiger Kamin. Der elegante Schwung der Treppe nach oben. Deutlich spürbar die Atmosphäre privater Räume. Wir sind Eindringlinge. Wir haben hier nichts verloren. Es ist, als stünde Gräfin Sophie Yorck von Wartenburg noch immer am Fenster des Empirezimmers. Der glücklose Bibliothekar Ringelnatz strebt noch immer durch die Dämmerung dem Wald zu. Peter Yorck lernt mit dem Hauslehrer das Gedicht für die abendliche Abfragestunde,
Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!

Ich sehe hinaus auf den Hof. Ein paar Vögel wirbeln darüber hin wie tote Blätter. Ein Dohlenschwarm erhebt sich vom Schlossdach. Vor den geschnitzten Türen der Schlosshalle stehen schmutzige Kindergummistiefel, in Blau und Rot.

Die Wut packt mich. Warum eine solche Sauerei? Warum halten die hier den Laden nicht besser instand, warum verkommt der Gartensaal, warum bröselt das Gemäuer, wo sind die Kinder dieser alten Frauen dort draußen, die Eltern der kleinen Gummistiefelbesitzer? Warum nehmen sie die Sache nicht in die Hand? Wer ist überhaupt der Eigentümer? Hat der Mann nicht begriffen, dass Eigentum verpflichtet? Hier ordnete einst der Dichter Ringelnatz die größte Privatbibliothek östlich der Oder, und jetzt zerfrisst der Schwamm das Gemäuer. Es ist alles vorbei. Die westliche Zivilisation ist untergegangen. So wird das Ende Europas aussehen: Kaninchenställe, Kohlköpfe, ein paar alte Frauen, ein paar wilde Kinder, die noch in den Ruinen hausen, zwischen den Zeugen einer Kultur, die sie nicht mehr verstehen, und die Erinnerung an große Geister, Philosophie und historische Schlachten, an Lebende und Tote, an Mut und Feigheit, große Verbrechen und Heldentaten, kleine Momente von Stille und Freude gleichermaßen verblichen. Von nun an herrscht das schattenlose Jetzt. Und ist es nicht auch am besten so? Haben die Yorcks etwa nicht ihre Arbeiter ausgebeutet, hat nicht das ostelbische Junkertum Hitler erst an die Macht befördert, will ich jetzt womöglich die Feudalherrschaft gegen den Sozialismus verteidigen? Oder umgekehrt? Wünsche ich mir das Kaiserreich zurück?

Wir stehen wieder draußen im Hof. An der Schlosswand hängt die Gedenktafel.

Ku pamięci
Petera Grafa Yorck von Wartenburg
urodzony 13.11.1904 roku w Oleśnicy Małej
stracony 8.8. 1944 roku w Berlinie
Dal świadectwo przed nazistowskim
Trybunalem Ludowym
mówiąc o ›totalitarnych uroszczeniach państwa
wobec swych obywatelie nie respektujacego religijnych
i etycznych powinności wobec Boga‹.

In Memoriam
Peter Graf Yorck von Wartenburg
geboren am 13.11.1904 in Klein-Öls
hingerichtet am 8.8.1944 in Berlin
Sein Bekenntnis vor dem Volksgerichtshof:
Gegen den »Totalitätsanspruch des Staates
gegenüber dem Staatsbürger unter
Ausschaltung seiner religiösen
und sittlichen Verpflichtung«

Ich schwöre mir, Polnisch zu lernen. Ich schwöre, alles nachzulernen, was ich nicht weiß über dieses Nachbarland, ich schwöre, zurückzukehren mit Armen voller Geschenke, nützlicher, liebevoll ausgewählter Gaben für die alten Frauen mit ihren schweren, schweren Leben. 1939 hat Hitler dem Generalgouverneur Hans Frank befohlen, sein Teufelswerk in Polen zu Ende zu führen: die Ermordung der polnischen Oberschicht, die Vernichtung der polnischen Kultur, die Helotisierung der Restbevölkerung. Und die Polen haben eine Gedenktafel aufgehängt, für einen Deutschen, für Peter Yorck.

Im Schloss ist das Radio verstummt. Keiner singt mehr. Wir gehen über den Hof. Wir gehen nun wieder, was sollen wir sonst tun? Aus dem dunklen starken Holz des großen Tors, das früher vielleicht einmal in die herrschaftliche Remise geführt hat, hat jemand mit Sorgfalt ein Quadrat herausgeschnitten. Für die Katzen ...